Was wird geschützt?

Deine und meine Daten, könnte man meinen. Aber das stimmt nur sehr vordergründig. Denn beim Datenschutz geht es in erster Linie um etwas anderes. Das wird dir klar, wenn du deine Daten z.B. mit deinem Laptop vergleichst.

Deine Daten sind all die Informationen, die es zu dir und über dich gibt: dein Name, deine Zeugnisnoten, deine Hobbys, deine Urlaubswünsche, deine Geheimnisse.

Diese Daten unterscheiden sich grundlegend von dem, was dir sonst so gehört: deinem Laptop, deinen Bücher, deinem Handy, deinem Tablet, deinem Fahrrad, deinen Klamotten.

Sixtus vs. Lobo #13: Totale Transparenz
Quelle: BlinkenTV

Diese Dinge sind alle in deinem Eigentum. An deinen Daten hast du aber kein Eigentum – sie gehören zu deiner Person, so wie deine Augenfarbe oder deine Schuhgröße zu deiner Person gehören.

Genau das – einen bestimmten Teil deiner Person – will der Datenschutz schützen. Und dieser Teil ist noch wichtiger als die Dinge, die dir gehören.

Um welchen Teil deiner Person geht es beim Datenschutz?

Die Menschen haben viele Facetten. Manche tanzen gerne, andere nicht; manche interessieren sich für diese Musik, andere für jene, manche engagieren sich in der Politik, andere haben daran kein Interesse; manche reisen für ihr Leben gerne, andere sind lieber zuhause. Jeder kann sich sein Leben grundsätzlich so oder anders einrichten, also selbs darüber bestimmen, wie es sein soll.

Und genau das soll auch für all die Daten gelten, die es zu dir, zu deiner Person und deinem Leben gibt. Du sollst grundsätzlich selbst darüber entscheiden, was mit ihnen geschieht: ob du sie für dich behältst oder bestimmte Daten an andere weitergibst, z.B. an Freunde, an Nachbarn oder an Unternehmen, bei denen du – im Netz oder außerhalb des Netzes – Dinge kaufst. Außerdem sollst du auch darüber entscheiden können, was diese Personen oder Unternehmen mit deinen Daten anstellen dürfen, z.B. ob sie diese zu Werbezwecke verwenden dürfen oder nicht. Und genau das will der Datenschutz sicherstellen. Er will sicherstellen, dass du die Verantwortung und die Macht über deine Daten und damit über einen wesentlichen Teil deiner Person behältst.

Der Kurzfilm "Sight" zeigt eine Welt, in der man statt Google-Glass-Brillen nur noch Kontaktlinsen trägt, die einem die Welt mit allerlei Daten und Informationen anreichern.
Quelle: Eran May-raz und Daniel Lazo / vimeo.com

Im Prinzip gilt das auch für dein Verhältnis zum Staat, zu seinen Behörden und Beamten. Wenn nicht ein Gesetz ausdrücklich bestimmt, dass du dem Staat bestimmte Daten geben musst – wie das z.B. bei der Volkszählung der Fall ist –, kannst du es tun oder auch lassen, dich also so verhalten, wie du es willst. Mit anderen Worten: Jede Frau und jeder Mann hat – innerhalb der Gesetze – das Recht selbst zu entscheiden, was mit seinen oder ihren Daten geschehen soll. Dieses Recht soll durch den Datenschutz garantiert werden.

Warum ist dieses Recht wichtig?

Alle Menschen, junge wie alte, Frauen wie Männer, sind – wie man sagt – soziale Wesen. Das heißt, sie leben und arbeiten mit anderen zusammen: mit der Familie, mit Nachbarn, mit Freunden, mit Klassenkameraden, mit Arbeitskollegen. Jeder von uns hat Kontakt zu anderen, z.B. wenn wir zum Einkaufen unterwegs sind, mit der Bahn oder dem Bus nach Hause fahren oder unsere Freizeit mit Sport oder Tanzen verbringen.

Dabei tauschen wir uns aus, erzählen von uns, von unseren Hobbys, unseren Plänen und Sorgen und geben dabei natürlich auch Informationen von uns preis. Das gehört zum Wesen des Menschen. Es ist notwendig und wichtig, weil wir auf diese Weise von anderen lernen und uns weiterentwickeln können.

Aber wir haben auch unsere Geheimnisse, die wir anderen nicht anvertrauen wollen oder vielleicht nur engen Freunden, den Eltern oder dem Partner. Und selbst wenn es im eigentlichen Sinne keine Geheimnisse sind, wollen wir oft, dass bestimmte Informationen bei uns bleiben und anderen eben nicht zugänglich werden, weil wir es so wollen oder weil es zu peinlich wäre, wenn zu viele alles von uns wüssten.

Dabei geht es im Kern um unsere Privatsphäre. Sie ist die Backstage unseres Lebens, der Ort, an dem wir uns mit vertrauten Menschen zurückziehen, wenn wir nicht öffentlich sein wollen. Was von uns privat bleiben und was öffentlich sein kann, das entscheiden wir selbst, jeder von uns. Das gehört zu unserem Selbstbestimmungsrecht und das soll der Datenschutz garantieren.

Es gibt keine feste Grenze zwischen dem, was öffentlich ist und was privat. Das ändert sich von Generation zu Generation. Es ändert sich auch in unserer Zeit. Jetzt sieht es so aus, als würde die „Generation Internet“, manche sprechen auch von der „Generation Facebook“ – und damit seid ihr gemeint – mehr von ihrem Leben in die Netz-Öffentlichkeit tragen, als das noch meine Generation getan hat.

Ob das eine gute Entwicklung ist und wie weit sie gehen wird? Wir müssen abwarten. Nur eines ist klar: davon, dass junge Menschen mehr von ihrem Leben in die Öffentlichkeit tragen, als ältere es früher getan haben, lebt die große US-Internetindustrie. Facebook, Google, Yahoo, Apple und andere verdienen Milliarden von US-Dollar damit, dass viele Menschen ihren eigenen Daten keinen besonderen Wert beimessen.

Aber die Frage, wie viel wir von uns offenbaren, ist nicht nur für uns selbst, sondern auch für die Gesellschaft, in der wir leben, von Bedeutung. Wenn alle alles voneinander wüssten, wäre das nicht mehr auszuhalten, würde sich niemand mehr wohl in seiner Haut fühlen, würden wir uns am Ende alle beobachtet fühlen. Dies wäre für die Gesellschaft schädlich. In Deutschland haben wir es zweimal erlebt, dass der Staat oder die Gesellschaft alles von jedem wissen wollte: bei den Nazis im Dritten Reich und bei der Stasi in der DDR. Das eine, wie das andere System, war unmenschlich.

Deshalb ist es wichtig, dass es in unserer Hand liegt, was wir von uns preisgeben und anderen mitteilen und was wir lieber für uns selbst behalten wollen. Das ist Teil unserer Menschenwürde. Und deshalb ist es wichtig, dass mit Hilfe des Datenschutzes sichergestellt werden kann, dass wir dieses Selbstbestimmungsrecht behalten.

Welche Bedeutung hat dieses Recht in unserer Internetzeit?

Das Selbstbestimmungsrecht über unsere Daten ist gerade heutzutage, also im Internetzeitalter, von besonderer Bedeutung, weil es gerade durch das Netz besonders gefährdet wird. Denn das gesamte Internet beruht auf Daten. Manche sagen sogar, Daten seien der Treibstoff, der das Internet am Laufen hält. Jedenfalls sind sie das Kapital, mit dem Google, Facebook, Microsoft, Apple und all die anderen Internetgiganten ihr Geld verdienen.

Ihnen geht es in erster Linie um deine Daten. Wenn sie dir neue Anwendungen oder neue Apps anbieten, dann musst du dafür zwar in aller Regel kein Geld zahlen, aber du zahlst mit deinen Daten. Die Währung, mit der im Internet gezahlt wird, ist deshalb nicht der Dollar oder der Euro; die Währung im Internet sind deine Daten. Und je länger du im Netz bist, desto mehr Daten werden von dir eingesammelt. Am Ende ist die Gefahr groß, dass du den Überblick darüber verlierst, welche Daten Google, Facebook und Co. schon von dir eingesammelt haben.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden von so vielen Menschen so viele Daten gesammelt, gespeichert und ausgewertet, wie in unserer Zeit. Und da das Internet nichts vergisst, werden auch die Daten, die von dir ins Netz gestellt werden, dort immer vorhanden bleiben. Auch wenn du das vielleicht gar nicht mehr willst. Es wächst also kein Gras mehr über Dinge, die du am liebsten vergessen möchtest.

Check dein Profil, bevor es andere tun.
Quelle: Netzdurchblick

Deshalb ist es eine große Herausforderung, dass wir auch im Internetzeitalter unser Selbstbestimmungsrecht über unsere Daten und damit auch unsere Privatsphäre behalten. Viele meinen, dass die Zeit der Privatsphäre schon vorbei wäre und sprechen von der Post-privacy-Zeit und beerdigen sogar unsere Privatsphäre symbolisch: "You have zero privacy anyway. Get over it" (Scott McNealy, CEO Sun Microsystems). Das ist dementsprechend die Botschaft, die von den Protagonisten des Internet kommt, auch von Mark Zuckerberg, dem Erfinder und Chef von Facebook. Diese Einstellung sollten wir nicht akzeptieren, zumal Zuckerberg selbst sehr viel Wert auf seine Privatsphäre legt. Diese ist auch viel zu wichtig, um sie aufzugeben.

Besteht das Datenschutzrecht also nur, um das Selbstbestimmungsrecht von Personen zu schützen?

Nein. Der Datenschutz bezweckt noch mehr. Der Datenschutz will auch unsere Freiheit sicherstellen. Wieso? Weil wir uns dann, wenn andere immer mehr von uns erfahren, beobachtet fühlen. Und weil unsere Freiheit eingeschränkt wird, wenn wir uns wegen des Gefühls, beobachtet zu werden, anders verhalten, als wir es sonst tun würden.

Das hat unser Bundespräsident Joachim Gauck im Zusammenhang mit der von Edward Snowden ausgelösten NSA-Ausspähaffäre folgendermaßen formuliert:


„Die Angst, unsere Telefonate oder Mails würden von ausländischen Nachrichtendiensten erfasst und gespeichert, schränkt das Freiheitsgefühl ein – und damit besteht die Gefahr, dass die Freiheit an sich beschädigt wird. … Wir sind ein demokratischer Rechtsstaat, in dem die Grundrechte gelten. Zu diesen Grundrechten gehört die Freiheit.“

Stimmt es, dass der Datenschutz auch für die Demokratie wichtig ist?

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Quelle: © Alexander Klaus / pixelio.de

Ja. Menschen, die sich – weil sie glauben beobachtet zu werden – anders verhalten als sie dies sonst tun würden, sind nicht selbst-, sondern fremdbestimmt. Unsere Demokratie braucht aber selbstbestimmte Menschen. Denn nur, wer selbst bestimmen kann, was er oder sie für richtig oder falsch hält, kann dafür auch die Verantwortung übernehmen.

Eine lebendige Demokratie ohne Datenschutz gibt es deshalb gar nicht.

Und was soll der Datenschutz am Ende verhindern?

Wer Daten von Personen hat, weiß entsprechend viel über diese Personen. Wissen aber ist – das lernt man in der Schule und im Leben – MACHT. Deshalb gibt es auch eine DATENMACHT. Sie ist umso größer, je mehr Daten z.B. Wirtschaftsunternehmen, aber auch der Staat von Personen haben. Die Datenmacht erstreckt sich dann über einzelne Personen und am Ende über die Gesellschaft insgesamt. Der Datenschutz will verhindern, dass diese Macht am Ende zu groß wird.